„Fidel es un país“ – Fidel steht für ein ganzes Land

Das Centro Fidel Castro Ruz im Herzen des Stadtteils Vedado in Havanna wurde am 25. November 2021 eingeweiht. „Mehr als 32.000 Besucher*innen aus 45 Ländern haben unser Zentrum bereits besucht, allein im Monat April 7.500 Menschen“, freute sich der stellvertretende Leiter der Einrichtung, Elier Ramírez, über die große Resonanz.

„Die Anwesenden sahen zur Einweihung ein berührendes Stück des Kindertheaters „La Colmenita“. Es hieß „Fidel, habla, te necesitamos“ (Sprich Fidel, wir brauchen Dich) und genau das war zu spüren – Fidel fehlt, und doch ist er „presente“. Fidel hat mit seinem Denken und Handeln die kubanische Gesellschaft und jeden einzelnen von uns geprägt, er war für viele wie ein Vater. Am Ende der Aufführung hatten wir alle feuchte Augen, einige weinten“, erinnert er sich.

Noch zu Lebzeiten hatte Fidel verfügt, dass sein Name nicht auf Denkmälern, für Straßen oder Plätze verwendet werden dürfe. Er lehnte Glorifizierung und Personenkult ab, verstand sich als Sohn und Diener des Volkes. Im kubanischen Gesetz Nr. 132 ist diese Regelung niedergelegt. Eine einzige Ausnahme bildet das „Centro Fidel Castro Ruz“, das sich als wissenschaftliche Einrichtung für die Erforschung des Gedankenguts, der Schriften und Strategien des großen kubanischen Revolutionsführers versteht und als Begegnungsstätte das Wissen über Fidel bewahren und an künftige Generationen weitergeben will.

Das Zentrum verfügt über neun Ausstellungssäle, ein Kino und ein Freilufttheater sowie eine Bibliothek mit angeschlossenem Verlag. Im ersten Saal sind einige der Ehrungen und Auszeichnungen ausgestellt, darunter auch der ukrainische Orden „Jaroslaws der Weise“, der Fidel für seine Initiative zur Aufnahme zahlloser Kinder aus Tschernobyl verliehen wurde, die nach dem Reaktorunglück seither in Kuba mehrere Wochen Erholung und medizinische Behandlung finden.

Ein bronzener Don Quichotte der kolumbianischen Stadt Baranquilla versinnbildlicht Fidels auf den ersten Blick wahnwitzigen Entschluss, auf dem Höhepunkt der Spezialperiode einen Biotechnologie- und Pharmasektor in Kuba zu begründen. Heute, nicht nur nach der Entwicklung von fünf Impfstoffen gegen COVID-19, wird an diesem Beispiel Fidels visionäre Kraft sichtbar: Kuba verfügt über einen unabhängigen Forschungsbereich, hervorragend ausgebildete Wissenschaftler und ein anerkanntes Renommee zum Export hochwirksamer Präparate.

Wenn wir dabei an die unter dem früheren US-Präsidenten Trump verschärfte Blockade denken, die es Kuba inmitten der Pandemie nahezu verunmöglichte, dringend benötigte Beatmungsgeräte, medizinischen Sauerstoff und Schutzausrüstung zu beschaffen, oder wenn wir die durch die Profitgier der internationalen Pharmakonzerne zum Scheitern verurteilte Initiative sehen, den ärmeren Ländern der Welt Zugang zu COVID-Impfstoffen zu verschaffen, dann wird deutlich, wie überlebenswichtig Fidels visionäres Denken und Handeln für Kuba war und ist.

Unsere Delegationsteilnehmer zeigten sich beeindruckt, wie modern die Ausstellung zu Fidels Leben und Werk aufbereitet ist. „Durch die zahlreichen Fotos und persönlichen Gegenstände wird die Person Fidel Castro unmittelbar erlebbar“, meint unsere Delegationsteilnehmerin Claudia.

Digitale Angebote laden zur vertieften Beschäftigung ein – und regelrecht gefesselt war unsere Delegation im Saal der Solidarität. Auf zwei Multimedia-Tischen sind Informationen und Fotos zu jenen Ländern abrufbar, die Fidel selbst besucht hat bzw. aus denen er hochrangige Gäste empfing. Natürlich wählten wir die Bundesrepublik Deutschland aus und waren gespannt, was dort aufgelistet war:

Neben historischen Fotos von Staatsbesuchen in der DDR mit dem damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, dem Empfang des früheren Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und des Außenministers Frank-Walter Steinmeier aus der Bundesrepublik in Kuba waren wir bass erstaunt, als plötzlich ein Foto aufploppte, das einige unserer Berliner Cuba sí-Mitstreiter*innen bei der Beladung eines Solidaritätscontainers im Jahr 2017 zeigte!

Ministerbesuche und Staatsempfänge – und unsere Solidarität ebenbürtig in dieser Reihe – das gibt es wohl nur in Kuba! „Die aufrichtige Wertschätzung, mit der hier der internationalen Solidaritätsbewegung begegnet wird, ist einfach sagenhaft“, zeigte sich unser Cuba sí-Mitstreiter Manfred begeistert, der sich übrigens auf dem erwähnten Foto wiederfand.

Die Strahlkraft, Reichweite und Wirksamkeit von Fidels Gedankenwelt auf die Entwicklung der kubanischen Gesellschaft zeigte sich eindrucksvoll im Saal mit dem treffenden Titel „Fidel es un país“ – Fidel steht für ein ganzes Land. Bis zum Lebensende pflegte er seine vielseitigen Interessen und ging seinem Wissensdrang nach.

Diese lagen nicht nur auf politischem oder strategischem Gebiet. Auch die Landwirtschaft spielte Zeit seines Lebens eine herausragende Rolle. So beschäftigte er sich z.B. mit den Eigenschaften bestimmter Pflanzen wie Moringa und ihren Einfluss auf die menschliche und tierische Ernährung. „Fidel war ein so universeller Mensch; dies ist neben der Ausstellung auch im Garten des Dokumentationszentrums nachvollziehbar. Hier finden sich so viele Pflanzen, die Fidel studiert hat – sie lassen uns Fidel auch als Naturforscher kennenlernen“, meint unser Cuba sí-Mitstreiter Albrecht.

Tatsächlich blieb Fidel Zeit seines Lebens ein Lernender – stets zum Wohle seines Volkes, immer auf der Suche nach Lösungen. So widmete sich der Comandante en Jefe u.a. der Erforschung von Seidenraupen und ihrer Zucht – angetrieben von der Notwendigkeit, aus alternativen Mitteln kostengünstig Fäden zu gewinnen, um sie flächendeckend für Operationen im Gesundheitsbereich einzusetzen – und somit die Beschaffungsprobleme durch die US-Blockade zu umgehen.

So universell wie der Geist Fidels, so vielschichtig präsentiert sich auch das Forschungs- und Dokumentationszentrum. Hier werden seine Ideen, seine Herangehensweise und Motivation, seine Visionskraft und sein Charisma lebendig – kein Besucher und keine Besucherin wird diese Ausstellung verlassen, ohne von der Größe und Weitsicht dieser Persönlichkeit berührt worden zu sein.

Miriam Näther

Quelle: Cuba Sí