jungewelt neuJörg Kronauer kommentiert in der Tageszeitung »junge Welt« die deutschen Exportüberschüsse

Das kann noch Ärger geben. Da beschwert sich die halbe Welt seit Jahren über die exzessiven deutschen Exportüberschüsse – und das völlig zu Recht: Schließlich treiben sie zahlreiche Länder von Griechenland über Italien bis Frankreich immer tiefer in die Verschuldung. Was aber zeigen nun die jüngsten Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Mittwoch veröffentlicht hat? Die deutschen Exportüberschüsse haben auch im Jahr 2017 exorbitante Höhen erreicht.

Frankreich etwa hat 41 Milliarden Euro mehr an deutsche Firmen gezahlt, als seine Unternehmen aus Verkäufen nach Deutschland verdienen konnten; die Agenda 2010, Lohnverzicht und Hartz IV haben die Preise deutscher Produkte effizient gedrückt und lassen bis heute Konzernkassen in der Bundesrepublik klingeln, Konzernkassen der ausländischen Konkurrenz hingegen eher darben. Ein Beitrag zur Lösung der europäischen Schuldenkrise ist das nicht.

Nun könnte man einwenden: Frankreich hat es längst aufgegeben, sich ernsthaft gegen die Berliner Exportoffensiven aufzulehnen, und versucht sich an einer Art eigener Agenda 2010 – so what? Nun, Paris mag resigniert haben, Washington hat es nicht. Das US-Handelsdefizit gegenüber Deutschland, das im Jahr 2000 noch bei weniger als 15 Milliarden Euro lag, hat 2017 mit rund 50,5 Milliarden Euro einen seiner höchsten Werte erzielt. US-Präsident Donald Trump hat oft genug angekündigt, auf die deutsche Exportoffensive, die schon die Obama-Administration immer wieder kritisiert hatte, zu reagieren – mit Strafzöllen zum Beispiel. In der klaren Erkenntnis, dass die neuen Zahlen Ärger geben, haben deutsche Medien schon vorab gemeldet, die EU bereite Gegenmaßnahmen auf etwaige US-Restriktionen vor, nämlich eigene Strafzölle zum Beispiel auf Harley Davidsons oder auf US-Whisky. Man wird sehen, ob und wann Trump den Fehdehandschuh aufgreift.

Abgesehen von der Einsicht, dass Deutschland weiterhin die Euro-Schuldenkrise befeuert, und von einer Vorahnung auf den transatlantischen Handelskrieg bieten die jüngsten Daten vor allem eines: die Erkenntnis, dass China seine Stellung als wichtigster Außenhandelspartner deutscher Firmen weiterhin ausbaut; sie lag 2017 mit einem Handelsvolumen von 186,6 Milliarden Euro weit vorn. War die Volksrepublik lange Zeit vor allem als Herkunftsland für deutsche Importe von höchster Bedeutung, so wird sie auch als Absatzmarkt immer wichtiger, hat 2017 erstmals Großbritannien und die Niederlande überholt und liegt unter den Zielmärkten deutscher Exporteure jetzt auf Platz drei. Stellt man zusätzlich die rasant wachsenden deutschen Investitionen in China in Rechnung, dann ist klar: Die deutsche Wirtschaft ist auf gute Beziehungen zur Volksrepublik ganz einfach angewiesen. Sollte es tatsächlich einmal zu dem ernsthaften politischen Crash mit Beijing kommen, der sich gelegentlich abzeichnet, dann müsste man sagen: Gegen die Erschütterungen, die dann drohen, sind die Folgen der Russland-Sanktionen ein müder Witz.

Pressemitteilung der Tageszeitung junge Welt