Kolumbien 

Vier Jahre Frieden und was davon übrigbleibt

Vor vier Jahren war der Frieden ein großes Wunschbild für die Kolumbianer. Die Regierung unterzeichnete mit der aufständischen Organisation FARC-EP einen komplexen und für seine verschiedenen zu vereinbarenden Punkte einen außerordentlichen Friedensvertrag. Die FARC-EP legten die Waffen nieder, vollzogen den Wandel zu einer legalen Partei und hofften auf elementare Erfüllung von Punkten wie die Reformierung der Agrarpolitik, die Substitution von illegalen Pflanzen wie Koka oder die politische, physische und juristische Sicherheit für ihre Mitglieder. Als Partei wollte die neue FARC einen politischen und gesellschaftlichen Wandel anstreben, immer unter dem Kontext der Beendigung der Gewalt und der Aufarbeitung des Konfliktes.

Nach fünf Jahrzehnten bewaffneter Konfrontation zwischen der Regierung und der aufständischen Bewegung, sollten nun Worte folgen. Doch was ist davon übriggeblieben? Was ist mit den netten Worten des ehemaligen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Santos geworden? Schmerz, Trauer, Zweifel und Misstrauen sind von den großen Worten übriggeblieben. Es fing unter Santos und seinen nur rudimentären Umsetzungen des Friedensabkommens an und hört bei einer Regierung auf, für die das Friedensabkommens nichts mehr wert ist, die juristische Intrigen gegen ehemalige Mitglieder und Kommandierende der FARC initiiert und die tatenlos zusieht, wenn ehemalige Guerilleros, Menschenrechtsverteidiger und soziale Aktivisten ermordet werden.

In vielen Landstrichen Kolumbiens, den Regionen, die jahrzehntelang vom Konflikt geprägt waren und die sich mit dem Friedensabkommen ein neues würdiges Leben mit Investitionen des Staates erhofften, regiert weiter der bewaffnete Konflikt und die Ausbreitung von paramilitärischen Gruppen. Mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens begann die Tragödie von nun 244 ermordeten ehemaligen Guerillakämpfern überall im Land und zuletzt in La Guajira. Vor vier Jahren träumte die Guerilla und mit ihr das Land vom Frieden, nach bereits sechs gescheiterten Versuchen. Es war nun der Versuch, endgültig einen stabilen und dauerhaften Frieden zu erreichen. Und es war ein Schritt, der im Interesse der nationalen Aussöhnung, der Wiedergutmachung der Opfer und der Garantie der Nichtwiederholung unternommen wurde.

Mehr als 12.000 Männer und Frauen haben den Krieg hinter sich gelassen, legten ihre über 9000 Waffen nieder, legten ihre Depots mit fast 50 Tonnen Kriegsmaterial und Sprengstoff offen und versuchten vollumfänglich die vereinbarten Verpflichtungen einzuhalten. Ihre Waffen, früher das Druckmittel gegen den Staat, wurden zerstört und die Mitglieder sammelten sich in verschiedenen Wiedereingliederungszonen, um den Prozess zurück in das zivile Leben zu vollenden. Doch nun ist von dem Friedensabkommen und der vereinbarten Punkte, den Garantien für ihre Sicherheit und für ihr Leben, nur noch wenig geblieben. Sie wurden vertrieben, ermordet und in grundlegenden Rechten verletzt, die Wiedereingliederung mitsamt ihren sozioökonomischen Projekten immer wieder torpediert. Es gibt immer noch Gefangene der ehemaligen aufständischen Organisation in den Gefängnissen und es drohen neue juristische Intrigen.

Das Friedensabkommen von Havanna wurde von den Regierungen immer wieder verändert und nicht erfüllt. Der Haushalt für die wirksame Durchführung des Abkommens wurde nicht finanziert. Der Staat spricht mit zwei Sprachen, hat eine falsche Rhetorik. Da ist zum einen auf der internationalen Bühne die Lüge, den Friedensprozess voranzubringen, und auf der anderen Seite die Lüge und der Verrat, der sich im alltäglichen Leben zeigt und dem die Mitglieder der ehemaligen Guerilla, aber auch die einfache Bevölkerung, vor allem auf dem Land, ausgesetzt sind. Wie oft schon bettelte man den Staat und auch die internationale Öffentlichkeit an, dass die vereinbarten Punkte umgesetzt werden?

In diesem Szenario ist es erstaunlich, dass noch immer viele tausende Ex-Kämpfer der Guerilla ihre Wiedereingliederung vollziehen. Es ist aber auch verständlich, wenn die Unzufriedenheit steigt, Wut und Zweifel wachsen und sich immer neue Leute den neuformierenden Strukturen der unter Waffen stehenden FARC-EP anschließen. Die Waffe in der Hand ist nicht nur Druckmittel, sie ist auch Verteidigungsmittel. Es ist verständlich, wenn ehemalige Kämpfer sagen, dass sie den Krieg verabscheuen und sich trotz aller Unzulänglichkeiten in das zivile Leben wiedereingliedern wollen. Es ist aber auch verständlich, wenn aus der Resignation, aus dem Schmerz und der Wut ein neues Gefühl der Tat zur Veränderung erwächst. Denn die Zahl 244 – im Durchschnitt alle fünf Tage ein ermordeter ehemaliger Guerillakämpfer – und das alltägliche Leben zeigen deutlich, was vom Frieden übriggeblieben ist.

Quelle: Widerstand in Kolumbien – Vier Jahre Frieden und was davon übrigbleibt

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