Die aktuelle Pandemie zeigt schonungslos die Mißstände unserer Gesellschaft. Sei es ein unterbezahlter Gesundheitssektor, der im Falle von Luxemburg auch noch hoffnungslos vom Ausland abhängig ist, die Abhängigkeit von »Märkten« bei der Beschaffung von Impfstoff, deren Entwicklung öffentlich finanziert wurde oder wenn es um die Ausgesetztheit der Beschäftigten geht, denen alles andere verboten wird, außer der Präsenz am Arbeitsplatz.

Wenn es denn noch einen Arbeitsplatz gibt, an dem sich ein Beschäftigter zum Zweck des Lohnerwerbs die Tage oder Nächte um die Ohren hauen kann. Immer öfter nämlich werden in den vergangenen Monaten Stellenstreichungen mit dem Etikett »coronabedingt« versehen, obwohl es den jeweiligen Unternehmen entweder gut geht oder aber zumindest zeitnah eine üppige Rendite an die »Anleger« ausgeschüttet wurde.

Auch in Luxemburg lodern einige solche Feuer bereits lichterloh und die Pandemie hat noch längst nicht ihr Ende erreicht, an welchem sie sehr wahrscheinlich von der nächsten Wirtschaftskrise abgelöst werden wird. Alle Hände voll zu tun also für unsere Gewerkschaften, denn der Ton seitens der Unternehmer wird zusehends rauer. Ob es um die Privatisierung im Gesundheitswesen, die Sonntagsarbeit im Einzelhandel oder die Zustände bei der Metallverarbeitenden Industrie geht: Der in der Vergangenheit oft beschworene »Luxemburger Weg« des sogenannten »Sozialdialogs« scheint immer häufiger das Papier nicht mehr wert zu sein, auf dem er geschrieben steht.

Das hat sicherlich auch damit zu tun, daß immer mehr Unternehmen schlicht nicht mehr national agieren und wenn sie nicht in ausländischer Hand sind, so doch zumindest Figuren auf die wichtigen Posten stellen, die mit Luxemburg nichts zu tun haben, außer dem Standort der Filiale, welche sie bezahlt.

Internationale Expansionspolitik solcher Unternehmen führt immer häufiger dazu, daß die Angestellten an den hiesigen Standorten das Nachsehen haben. Dort, wo die Beschäftigten noch einigermaßen stark organisiert sind, gibt es nach wie vor einen soliden Widerstand gegen solche Kahlschlagpolitik unter dem Deckmantel der Pandemie. Immer häufiger aber sind Beschäftigte allerdings nicht mehr gewerkschaftlich organisiert und glauben einen guten Draht zum Chef zu haben oder sich die 20 Euro im Monat sparen zu können.

Eine solche Auffassung könnte sehr bald verhängnisvoll werden, denn gerade in diesen Zeiten zeigen ein hoher Organisationsgrad und prompte gewerkschaftliche Aktionen gegen die Willkür der Unternehmen im Umgang mit dem Personal, daß man sich auch in Luxemburg gegenüber den Arbeitern nicht alles zu erlauben versuchen sollte.

Es wäre mit Blick auf die längst nicht beendete Krise besser, statt dem Boß den kleinen Finger hinzuhalten, der Gewerkschaft die ganze Hand zu reichen und nach Außen ein kämpferisches Zeichen zu setzen. Die nächsten Wochen und Monate werden in diesem Zusammenhang richtungweisend sein, denn es ist nicht anzunehmen, daß die Zahl der Konflikte dieser Art bereits ihren Höhepunkt erreicht hat.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Über Corona-Müdigkeit Kampfbereitschaft nicht verlieren