Am vergangenen Mittwoch wurde ein Lieferfahrer beim Start-up „Gorillas“ ohne Begründung in seiner Probezeit gekündigt. Seine Kolleginnen und Kollegen reagiert mit einem spontan organisierten Streik und forderten die Wiedereinstellung des Betroffenen. Innerhalb kürzester Zeit kamen weitere Forderungen hinzu, die Unzufriedenheit scheint bereits zuvor um sich gegriffen zu haben. Zumindest in kritischen Kreisen wurde bereits länger negativ über den Lebensmittellieferdienst Gorillas berichtet.

Mit 250 Millionen Euro Investorengelder binnen kürzester Zeit wurde der Lieferservice zu einem Einhorn der deutschen Start-ups. Die Mission ist Wachstum und Profit um jeden Preis. Das Unternehmen drang mit großer Kraft in den Berliner Lebensmittelmarkt ein. Es wirbt mit Lieferung in nur zehn Minuten und wächst beständig.

Auslöser für den Streik am Mittwoch war die Entlassung von Santiago, am Donnerstag kam die umfassendere Forderung gegen die Probezeit von sechs Monaten hinzu. Der Tageszeitung „junge Welt“ gegenüber hielt ein Kollege am Freitag nach dem Gespräch mit dem Geschäftsführer fest: „Jetzt geht der Kampf um alles: Wir wollen bessere Löhne, einen sicheren Arbeitsplatz und ein Ende der rassistischen und sexistischen Diskriminierung.“ Darüber hinaus heißt es, die Kolleginnen und Kollegen seien hochmotiviert, wie würden den Arbeitskampf in den kommenden Tagen weiter intensivieren.

Einschüchterungsversuche durch Geschäftsführung und Staat

Kurz nach Beginn des wilden Streiks am Mittwoch schickte das Management den stellvertretenden Geschäftsführer von Gorillas, Harm-Julian Schumacher, und dieser rief wiederum die Polizei. Die Kolleginnen und Kollegen fuhren daraufhin von der Filiale zu einem Lager in Berlin-Mitte. Dort blockierten sie am Abend desselben Tages den Eingang – bis der Betrieb eingestellt werden musste. Auch hier war Gorillas-CEO Schumacher vor Ort, nebst etwa 50 Polizistinnen und Polizisten. Es gibt Berichte, dass auch Zivilpolizistinnen und der Staatsschutz entdeckt wurden.

Aber es gab auch Solidarität und Unterstützung für die Gorillas-„Rider“ – wie die Fahrradfahrer durch das Unternehmen bezeichnet werden -, es kamen einzelne Kolleginnen und Kollegen von Lieferando hinzu. Außerdem gab es Solidaritätsschreiben aus Köln, Madrid und Bologna.

Am Freitag kam es zu einem Treffen mit der Geschäftsführung, vorher leakte das Gorillas Workers Collective eine Nachricht des Firmenchefs. Diese wurde an das mittlere Management gerichtet. Darin hielt er fest: „Ich habe zu Public Affairs und PR-Agenturen gesprochen, […] Sie haben mir gesagt, ich sollte deeskalieren. Ich würde lieber sterben, um die Werte zu verteidigen, als zu deeskalieren“.

Zentrale erleichterte Organisierung

Bereits Anfang des Jahres war es zu Auseinandersetzungen bei Gorillas wegen mangelnden Corona-Schutzmaßnahmen gekommen. Das Workers Collective bereitet aktuell Betriebratwahlen vor. In diesem Zusammenhang gab es nur wenige Tage vor dem Ausbruch des Streiks bereits Ärger mit der Geschäftsführung. Begründet wurde dies damit, dass das Management an Wahlversammlungen teilnehmen durfte. Außerdem wurde angezweifelt, ob das Votum für den Wahlvorstand rechtmäßig sei.

Anders als bei anderen Lieferdienste, die ebenfalls in der Regel mit schlechten Arbeitsbedingungen glänzen, spielen die gemeinsame Zentrale und somit der regelmäßige direkte Kontakt, während man auf die auszuliefernden Waren wartet, eine wichtige Rolle bei der Organisierung der Fahrerinnen und Fahrer. Hier kann man sich über Missstände austauschen und sich absprechen.

Der Streik stellt trotzdem eine absolute Ausnahme des Arbeitskampfes, insbesondere im deutschsprachigen Raum, dar. Vielleicht spielt hierbei der hohe Anteil an migrantischen Arbeitskräften eine Rolle, die potenziell andere Kampferfahrung und ‑kulturen in Klassenauseinandersetzungen haben.

Quelle: Labournet/Analyse und Kritik/junge Welt/Der Freitag/Handelsblatt/Gründerszene

Quelle: Zeitung der Arbeit – Wilder Streik für Wiedereinstellung bei Lieferdienst