Von Boris Litwinow, Erster Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Donezker Volksrepublik

Am Morgen des 21. März nahm ich zwei Korrespondenten von Online-Medien „an Bord“ und verließ Donezk, das bereits seit fast einem Tag unter Beschuss stand. Unsere Route führte in den Süden der DVR, in den Bezirk Nowoasowsk, zu dem Ort, wo die aus der Hölle von Mariupol entkommenen Flüchtlinge eintreffen.

Zweieinhalb Stunden auf einer einigermaßen erträglichen Straße parallel zur Frontlinie vergingen unbemerkt. Meine Fahrgäste sind erfahrene, kundige Menschen. Trotz ihres relativ jungen Alters haben sie im Namen der Volksrepublik Donezk hart gearbeitet. Alexander Matjuschin, 37, Kommandeur recht großen Militäreinheit der Volksmiliz, war seit 2014 an den Kämpfen für die Volksrepublik beteiligt. Er hat das Leid der vom Krieg betroffenen Einwohner gesehen und die Bitterkeit des Verlusts von Kampfgenossen erlebt. Nach einer Reihe von Verletzungen konzentrierte er seine Kraft, seine Erfahrung und seine Fähigkeiten auf die Informationsflanke unseres Kampfes. Dima Pawlenko, Korrespondent der Nachrichtenagentur News-Front, hat die letzten fünf seiner 30 Jahre der Berichterstattung über die dramatischsten Ereignisse im Donbass gewidmet. Er hat alles Mögliche gesehen und gehört…

Am Ufer des Asowschen Meeres befindet sich der ehemalige Ferienort Besymennoje. Genau dort kommen diejenigen, denen es gelungen ist, aus Mariupol herauszukommen, in der DVR an. Gleich am Ortseingang entsteht ein Gefühl systematischer Fortbewegung. In den Straßen dirigieren örtliche Einwohner mit weißen Armbinden Autogruppen in eine Gasse oder in benachbarte Straßen. Die Ankommenden werden in Häuser und Höfe örtlicher Einwohner verteilt. In einem Hof eine Familie, irgendwo zwei, und manchmal drei Familien. Normalerweise werden in der Sommersaison Urlauber auf diese Weise untergebracht und die Einheimischen verdienen daran. Aber jetzt ist es eine andere Zeit, die Einwohner von Mariupol müssen gerettet werden und von Geld ist nicht die Rede. Aber der Hauptstrom der ankommenden Flüchtlinge geht zur örtlichen Dorfschule. Sie gehen zu Fuß, kommen mit Autos, die mit weißen Bändern umwickelt sind und die Aufschrift „Nicht schießen“ und „Kinder!“ tragen. Kleine Busse mit der Aufschrift „Flüchtlinge. Nowoasowsk“ bringen Gruppen von 15 bis 18 Personen.

Das solide, dreistöckige Gebäude ist voll von Menschen. Nach Angaben der Organisatoren (der Lehrer) befinden sich mindestens 550 Personen in dem Gebäude. Die Lobby ist mit Betten gefüllt. Auf ihnen liegt ein Minimum an Sachen.

Diejenigen, die einen Platz bekommen haben, beginnen, sich einzurichten. Es gibt eine Erstregistrierung für die Erfassung der Ankommenden und die Berechnung der notwendigen Lebensmittel, ein Raum, wo verschiedene Dingen liegen, die von örtlichen Einwohnern und karitativen Organisationen gebracht wurden. Und natürlich die Schulkantine mit 96 Plätzen. Die

Essen für die Geflüchteten. Foto: Wpered.su
Essen für die Geflüchteten. Foto: Wpered.su

Schlange vor der Kantine bewegt sich schnell, die Menschen warten ruhig und ohne Aufhebens auf freie Plätze. Mittags gab es Nudelsuppe mit Büchsenfleisch, heißen Tee und so viel Brot, wie man wollte. Auf den Tischen der Kinder befanden sich Äpfel. Die Einheimischen bringen Obst aus ihren eigenen Vorräten für die Kinder mit.

Ich fragte diejenigen, die an den Tischen saßen, nach der Qualität des Essens, und sie antworteten fast im Chor, dass das Essen sehr gut sei, als ob sie in einem Restaurant gewesen wären. Wir haben 12, 15 oder sogar 20 Tage lang in Kellern der Häuser gesessen und so etwas nicht gesehen und gegessen. Und morgens bekamen wir auch Grütze mit Fleisch. Junge Leute, offenbar ältere Schulkinder, sagten, dass sie von Grütze morgens und Suppe zum Mittagessen genug haben, Hauptsache es gibt Brot.

Wir gingen in den zweiten Stock der Schule. Die Gänge waren mit Betten gefüllt, auf denen meist ältere Menschen saßen und lagen. Keine Verwandten sind da, wo die Kinder sind, wissen sie nicht, was weiter wird – „was Gott und gute Menschen geben werden“. Aber ihre Gesichter sind ruhig, und sie lächeln sogar ein wenig. Erst gestern hat die Trauer unbekannte Menschen einander näher gebracht. Und es kamen Erinnerungen an Verwandte, an das Durchlebte, daran, dass sie aus der Stadt herauskamen und zu guten Menschen kamen. In Mariupol  hatten die ukrainischen Soldaten gesagt, dass es für sie Plätze auf dem Friedhof gebe. Nun stellt sich heraus, dass man uns in der DVR noch nicht begraben will.

In jedem Klassenzimmer sind Matratzen auf dem Boden ausgebreitet, auf denen Kissen, Laken und Decken liegen. Alles Bettzeug ist sauber. In jeder Klasse gibt es zwanzig bis fünfundzwanzig solche Plätze. Die Gesichter der Menschen sind konzentriert, jeder hat seine Gedanken, seine bisher „unlösbaren“ Fragen.

Ich stellte mich als einer der Organisatoren der Donezker Volksrepublik, Leiter des Referendums 2014 und Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der DVR vor. Sofort gab es Rufe: Ich habe an dem Referendum teilgenommen, und ich, und ich. Wir wollten ohne Oligarchen leben, in einem sowjetischen Land. Warum haben Sie uns im Jahr 2014 zurückgelassen?

Ich musste mehr als eine Stunde lang über unser Leben in den letzten acht Jahren erzählen, was wir wollten und wie es ausgegangen ist, wer uns in all den Jahren mit Granaten und Raketen vernichtet hat, wer uns geholfen hat zu überleben und unsere mit den Einwohnern von Mariupol gemeinsam getroffene Entscheidung verteidigt hat. Sie hörten aufmerksam zu, fast ohne zu unterbrechen, und stellten nur konkretisierende Fragen. Erst gegen Ende meiner Erklärungen, zaghaft: aber uns wurde gesagt, dass ihr DVRler die Befehle Moskaus befolgt und alle, die für die Ukraine arbeiten, vernichten würdet. Nein, wir haben es nicht geglaubt, aber das hat man uns Tag für Tag erzählt. Und als die Offensive der Russen und der DVRler begann, wurde uns schließlich klar, dass wir all die Jahre getäuscht worden waren.

Alexander schaltete sich in das Gespräch ein: Ich, ein Arbeiter bei Asowstahl, wurde am 25. Februar dringend zur Arbeit gerufen. In der Werkhalle wurden Menschen versammelt, wohl mehr als tausend. Uns wurde befohlen, Räume unter «0» zu

Geflüchtete aus Mariupol in Nowoasowsk. Foto: Wpered.su
Geflüchtete aus Mariupol in Nowoasowsk. Foto: Wpered.su

belegen. Wir saßen 10 Tage lang in Korridoren und Infrastrukturtunneln. Wenig Wasser, alte Brotkrusten und einige Reste von Lebensmitteln in Gläsern. Am 10. Tag verließ ich die Werkstatt über das Infrastrukturtunnel und erreichte im Schutz der Dunkelheit mein eigenes Wohngebiet. Es war unmöglich, in Gruppen zu gehen, man würde sofort unter Beschuss geraten. Einzeln könnte es gelingen. Ich fand meine Frau, meine Tochter und meine Eltern im Keller des Hauses. Ein Teil der Wohnungen war ausgebrannt, und in den Wänden waren durch Granaten verursachte Löcher. In den Wohnungen gab es „Verteidiger der Ukraine“, Scharfschützen auf dem Dach. Über zwei Wochen lang hielten sich 35 bis 40 Personen im Keller auf. Die aus der eigenen Wohnung mitgebrachten Lebensmittel waren längst aufgebraucht. Noch schwieriger war die Situation beim Wasser. Als sich eine relative Ruhe einstellte, gingen wir durch die Wohnungen und schöpften Wasser aus den Toiletten, Kanistern und einigen Boilern, sogar ein Aquarium wurde gefunden. Wir durchsuchten die Lagerräume nach Essensresten jeglicher Art. Aber selbst das war sehr wenig. Ein paar Tagen hatten wir Glück, es schneite. Wir haben alle verfügbaren Behälter mit Schnee gefüllt. Dann haben wir drei Tage lang Schmelzwasser getrunken.

Eines Tages kamen „Verteidiger“ mit Maschinenpistolen in den Keller. Sie brachten meine Frau und meine Tochter in einen Kellerraum, gaben mir zwei große Plastikbehälter und sagten: „… geh in den privaten Wohnsektor, dort gibt es einen Brunnen, bring Wasser mit, und wir lassen die Familie gehen“. Bis zum Brunnen war es ein Kilometer oder anderthalb. Den Brunnen kannten wohl viele, denn hier und da lagen Tote auf dem Weg dorthin. Dennoch habe ich diese beiden Wasserkanister unter Beschuss herangeschleppt. Ich gab sie ab und sagte, gebt mir etwas ab. Als Antwort hörte ich: Wenn Du was brauchst, geh noch einmal und hol dir was. Bestien.

Und dann kam der 20. März. Einer der Kellerbewohner, der von der Oberfläche zurückgekehrt war sagte: Russen sind da, sie sagen, sie halten die Straße und wir haben 20 bis 30 Minuten Zeit, um zu den Bussen zu kommen. Wir werden evakuiert. Wohin werden sie uns bringen, was werden sie mit uns machen? Schlimmer als im Keller wir es nicht sein.

Meine Frau und meine Tochter nahmen sich den Rest der Kleidung, den Rucksack und eine leichte Tasche und gingen zum Ausgang. Ich begann, meine Eltern hochzubringen, aber sie sagten, nein, wir schaffen es nicht. Rette die Frau und die Tochter. Entweder werden wir hier unter Trümmern oder vor Hunger sterben, oder unsere Russen werden kommen und uns retten. Mein Herz zerriss vor Schmerz und Auswegslosigkeit. Ich nahm meine Frau und meine Tochter, mit mir kamen noch einige weitere Menschen und wir gingen zu dem von den Russen angegebenen Ort. Ein Bus kam an, und bald waren wir mit 25 Personen in Besymennoje. Meine Frau und meine Tochter sollen weiter evakuiert werden, aber ich will warten, bis es möglich ist nach Mariupol zurückzukehren und die Eltern zu finden…

An der Wand des Klassenzimmers sitzt ein Mann mit den Armen um den Kopf und stöhnt. Was tut weh, frage ich? Soll ich einen Arzt rufen? Alles tut weh, Herz, Seele, Hirn… „… Ich sprang aus dem Haus, rannte nach vorne, hinter mir meine Frau und zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Ich rannte zum Bus, sprang hinein, die Tür schloss sich, und der Bus fuhr ab. Und die Familie ist weg. Ich habe die ganze Schule durchsucht, aber ich fand sie nicht.“ Ich erklärte, wohin man sich wenden kann, um die Listen zu überprüfen. Und es gibt mehr als ein Flüchtlingslager in diesem Bezirk. Wenn sie zu den Bussen gelaufen sind, werden unsere Soldaten niemanden zurücklassen. Sie werden sie alle herausbringen. Mir schien es, dass in den Augen des von Schmerz überwältigten Mannes und in seinem Tonfall Hoffnung aufkam.

Die Menschen im Klassenzimmer gingen je nach ihren Bedürfnissen ein und aus. Verschiedene Leute kamen auf mich zu und sagten mir praktisch das Gleiche. Wochenlanges Sitzen in Kellern, schreckliche sanitäre Verhältnisse, keine Informationen über das Geschehen und die Zukunft. Misshandlungen durch Nazis, Demütigungen, viele Tote und nicht beerdigte Menschen auf den Straßen und viele andere schreckliche Geschichten.

In der dritten Etage der Schule erzählten die Evakuierten ihre dramatischen und tragischen Geschichten ohne Pause. Aber in einem der Klassenzimmer erzählten ein Mann, eine Frau und ein junges Mädchen von ihrem Schmerz, denen man nur schwer zuhören konnte und seine Gefühle zurückhalten.

Der Vater, das Familienoberhaupt, hatte in einer Wohnung eine Schachtel Grieß, eine Viertelflasche altes Speiseöl und irgendeine Konservendose gefunden. Ein fast drei Liter fassender Topf konnte mit Wasser aus Toilettenspülkästen gefüllt werden. Aber die einzige Möglichkeit, etwas zu kochen, war auf dem Feuer in der Nähe des Kellerausgangs. Wir haben einen Untersatz für den Topf gebaut und ein kleines Feuer aus den Resten einer Bank gemacht. Brennholz gab es klar zu wenig. Ich ließ den 16-jährigen Sohn am Feuer und den Topf mit Wasser zurück und begann, durch die Wohnungen zu gehen, um Holzstühle für das Feuer zu finden. „Asow-Leute“ kamen in den Hof, stellten einen Mörser auf und gaben mehrere Schüsse ab. Mein Sohn Wassilij sprang in den Keller, als die Schüsse fielen. Doch die „Asow-Leute“ drehten sich schnell um und begannen, ihre Position zu wechseln. Wassilij ging zum Feuer, das Holz ging zur Neige. Und in diesem Moment flog ein Artillerie- oder Mörsergeschoss in den Hof. Ich rannte zur Tür hinaus, fährt der Mann mit seiner traurigen Geschichte fort, überall sind Explosionen, es wird mit Schusswaffen geschossen, und Wassilek liegt neben dem erloschenen Feuer, der Topf ist umgekippt und die Hälfte seines Schädels fehlt. Die Schreie und Tränen meiner Frau, meiner Tochter und der Kellernachbarn übertönten die Explosionen und die Schüsse auf der Straße. Der Beschuss dauerte bis zum Morgen an.

Gegen Mittag kamen Soldaten mit roten Armbinden und einem „Z“-Abzeichen am Ärmel. Sie begannen schnell, uns an den Häuserwänden entlang und durch die ihnen bekannten Gassen aus der Stadt zu führen. Und Wassilek blieb auf dem Hof liegen. Aber er war dort nicht allein, denn die Toten, sowohl Zivilisten als auch Soldaten, waren seit Wochen nicht von der Straße entfernt worden. Und wo soll man sie begragen, wenn von überall her geschossen wird.

Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, begannen weder der Erzähler noch seine Frau oder ihre Tochter zu weinen. Sie haben wohl keine Kraft mehr für das Leid. Die Frau fügte nur hinzu: Wir verstehen, dass dies ein Krieg ist, und im Krieg haben wir alle unseren Kummer. Wir werden weiter leben.

Beim Verlassen der Schule, des provisorischen Unterkunftszentrums für Flüchtlinge, erkundigten wir uns nach den Bedürfnissen der Flüchtlinge. Die Leiter des Zentrums erklärten, dass die Verwaltung des Bezirks Nowoasowsk ausreichend Brot zur Verfügung stellt. Die Lebensmittel werden von der Armee ausgegeben, sie werden von religiösen Organisationen, karitativen Fonds und einzelnen Bürgern gebracht. Vorläufig sind Lebensmittel für fünf bis sieben Tage vorhanden. Sie brauchen vor allem Nudeln, Dosenfleisch, Zucker, Tee, Seife und Waschmittel, Babynahrung für verschiedene Altersgruppen, Windeln für Babys und Erwachsene sowie Erkältungsmedikamente und die gängigsten Mittel, die in Hausapotheken zu finden sind.

Das zweite provisorische Unterkunftszentrum für Flüchtlinge befindet sich am Ortseingang von Besymennoje aus Richtung Mariupol. Hier kommen Flüchtlinge mit ihren Autos an, wenn die noch ganz sind und einige Liter Benzin zu finden waren. Am Ortseingang steht eine Schlange von mindestens 100 Autos. Soldaten der Volksmiliz der DVR inspizieren sorgfältig die Autos und ihre Passagiere. Wachsamkeit ist in diesem Fall notwendig. Unter den Flüchtlingen versuchen nicht selten verschiedene kriminelle Elemente, einschließlich offener Nazis, auf das Territorium der Republik zu gelangen und dann nach Russland. Nach der Kontrolle landen die Flüchtlinge in einem recht großen Zeltlager mit einer Kapazität von 500 Personen. Bemerkenswert ist das Verhalten der Soldaten der DVR und der Mitarbeiter des Zivilschutzministeriums aus der benachbarten Oblast Rostow. Ihre präzise und gut koordinierte Arbeit, ihre große Zurückhaltung, ihre Korrektheit, ihre Geduld und ihre Freundlichkeit gegenüber den Flüchtlingen schafft Vertrauen und gleicht die Stresssituation der aus Mariupol Ankommenden aus.

Drei Feldküchen versorgen alle registrierten Personen mit warmer Grütze und Tee. Nach vielen Tagen des Hungers werden die Menschen nicht müde, den örtlichen Behörden und Russland für diese Aufmerksamkeit zu danken. Und doch wurde viele Monate und Jahre lang ein ganz anderes Bild von den Donezkern und den Russen bei ihnen gebildet. Die ältere Generation traute der Propaganda nicht sonderlich, aber die jüngere Generation wurde einer gründlichen Gehirnwäsche unterzogen. Ein 15-jähriger Junge, Nikolaj, der eine lecker duftende Portion Essen erhalten hat und sich mit einem Erwachsenen unterhält, argumentiert erwachsen: In der Schule wurde uns viel über die hinterhältigen Russen erzählt, im Fernsehen wurde uns gezeigt, wie Russen und „Separatisten“ die Ukrainer vernichten. In der Klasse tauschten viele ihr Wissen über die blutrünstigen und bösen Russen aus. Aber ich habe immer in Frage gestellt, was uns gesagt wurde. Und meine Familie war der gleichen Meinung – im Fernsehen wird gelogen. Aber es war nicht möglich, in Gesellschaft Zweifel zu äußern, man konnte Ärger bekommen, oder sie konnten sogar zu den Eltern kommen und sie für die falsche Erziehung „zurechtweisen“. Und das ist schon gefährlich. Aber hier, sagt Nikolaj, höre ich jetzt schon seit drei Tagen Radio. Mir werden die Augen für viele Dinge geöffnet, ich finde meine früheren Zweifel bestätigt. Und dann eine Frage: Kann ich in die Schule gehen, in welcher Sprache ist der Unterricht, und können diejenigen, die in der Ukraine in der Schule waren, danach an die Universität gehen?

Um Nikolajs Interesse zu befriedigen, erklärte ich ihm, dass der Unterricht auf russisch ist, an die Hochschule kann man kommen, wenn man das entsprechende Wissen hat. Aber sie werden hart arbeiten müssen. Vor allem, um den geisteswissenschaftlichen Kurs zu wiederholen. Nun, wenn die Lehrer gut sind und mich nicht erniedrigen, werde ich versuchen, mit den neuen Programmen zurechtzukommen, schloss Nikolaj.

Als ich die Zelte abging und mit den Flüchtlingen sprach, musste ich mir ausführlich die Meinungen und Eindrücke der nun schon ehemaligen Bürger der Ukraine anhören, die ein neues Leben beginnen. Dutzende von Menschen, mit denen ich vier Stunden lang sprechen konnte, erzählten praktisch ein und dasselbe. Acht Jahre lang wurden sie über die DVR, über Russland, über Europa und die USA belogen. Und als sie in Not gerieten, erkannten sie, wer wirklich ein Freund und Bruder war und wer ein Bastard, ein Lügner und weitere entsprechende Bezeichnungen. Ja, in der Tat, wie man sagt: Freunde erkennt man in der Not!

Nachdem ich mit zwei jungen Frauen und einem Mann mittleren Alters die Situation ausführlich erörtert und ihre zahlreichen Fragen zufriedenstellend beantwortet hatte, erregte in einem der Zelte ein zartes, sympathisches Mädchen, fast noch ein Kind, meine Aufmerksamkeit. Sie hörte dem Gespräch zwischen den Erwachsenen aufmerksam zu und kam immer

Boris Litwinow und Violetta. Foto: Wpered.su
Boris Litwinow und Violetta. Foto: Wpered.su

näher an die Gesprächspartner heran. Ich rief das Beinah-noch-Kind zu mir und beginne ein Gespräch. Wie heißt sie — Violetta. Wie alt ist sie? Sie antwortet 16. Sie sieht mehr nach 13 aus. Wo bist Du zur Schule gegangen, was willst Du werden? Es stellt sich heraus, dass Violetta letztes Jahr die 9. Klasse abgeschlossen hat und eine technische Berufsschule besucht. Die Schule hat sie nach dem Rat ihrer Eltern, die Metallarbeiter sind, gewählt. In der Schule träumte sie davon, Walzwerkerin in einer Werkstatt zu werden. Ich liebe heißes Metall. In unserer Gruppe befanden sich 19 Jungen und sechs Mädchen. Nach der Berufsschule könnte ich arbeiten und dann eine Fachhochschule für Metallurgie besuchen. Ich träumte davon, beim Iljitsch-Metallkombinat zu arbeiten. Ist das nicht ein schwieriger Beruf für ein Mädchen, frage ich? Ja, antwortet Violetta, aber es ist ein respektabler Beruf mit guter Bezahlung und einer guten Rente.

Ja, sie ist 16, und sie redet schon von der Rente, dachte ich. Aber Violetta spricht frei und selbstbewusst und weiß, was sie will. Aber sie hat bisher nur ein Halbjahr die Schule besucht. Eine junge Frau beteiligt sich an dem Gespräch. Violetta ist eine Waise, ihre Eltern sind vor zehn Jahren gestorben. Ich bin eine Tante, die Violetta in meiner Familie aufzieht. Doch dann erklärt Violetta mit Nachdruck, dass sie keine Tante ist, sondern eine Mutter. Alle sind sich einig, natürlich die Mutter. Der Vater, der neben ihr steht, setzt das Gespräch fort. Wohin gehen wir jetzt, Russland ist ein großes Land… Was, wenn wir an einem Ort landen, an dem es keine Metallindustrie gibt? Und wenn nicht Metallurgie, was würdest du dann gerne machen, frage ich Violetta. Ich liebe es zu zeichnen, vielleicht bewerbe ich mich in der Kunstschule. Und dann habe ich vorgeschlagen, hier ist mein Notizbuch, und du zeichnest, was du jetzt fühlst. Solange sprachen wir mit den Bewohnern des Zeltes über die Zukunft, über die Renten, die die Ukraine nicht mehr zahlen wird, und darüber, wie die Rentner leben sollen. Über Lebensmittelpreise, Gebühren für kommunale Dienstleistungen… Im Allgemeinen über alles, was jeden Menschen, der ein neues Leben beginnt, interessieren könnte. Violetta beendete ihre Zeichnung und erklärte, dass die aufgehende Sonne und die Vögel am Himmel Träume von einem glücklichen Leben sind. Und der kräftige Baum, der im Frühjahr zu neuem Leben erwacht, ist ein neues Leben mit einer starken Familie. Ich habe Violetta meine Kontaktdaten gegeben und sie gebeten, mir mitzuteilen, wo sie sind, wenn alles geregelt ist. Frieden und Glück für dich, Violetta. Geduld, Mut und Erfolg für all diejenigen, für die ein neues Leben in einer Familie brüderlicher Nationen beginnt.

Was ich und meine Begleiter auf dieser Reise gehört und gesehen haben, hat mein Herz berührt. Ein normaler Mensch kann sich nicht an menschliches Leid und Kummer gewöhnen. Er wird sich Sorgen machen, er wird Mitleid haben, aber er wird die nötigen Worte finden, um den Wunsch zu leben und im Leben voranzukommen, alle Schwierigkeiten zu überwinden, zu fördern. Andernfalls gäbe es das Leben selbst nicht.

Auf dem Rückweg hielten wir bei der Bezirksverwaltung von Nowoasowsk. Der stellvertretende Verwaltungsleiter Bogdan Nikolajewitsch Perepetschaj hat einige der Probleme, die über mich an die Bezirksverwaltung herangetragen worden waren, operativ gelöst. Die Arbeit mit der Aufnahme von Flüchtlingen geht 24 Stunden am Tag weiter, sagt Bogdan Nikolajewitsch. Alle Schulen des Bezirks wurden in provisorische Unterkünfte für Flüchtlinge umgewandelt. Es sind bereits fast 6.000 Menschen in den Bezirk gekommen. Wir rechnen mit mindestens weiteren 60.000. Das sind mehr als doppelt so viele wie die Einwohnerzahl des gesamten Bezirks. Die Belastung für alle Dienste im Bezirk ist enorm. Der Bedarf, insbesondere an Lebensmitteln, steigt rapide an. Die Hoffnung liegt beim zentralen republikanischen Stab für die Aufnahme von Flüchtlingen, in der Hilfe der Bevölkerung und von Organisationen, aber auch bei Russland. Gemeinsam werden wir die Herausforderung der Zeit meistern.

Ein großes, leuchtend gelbes Lenin-Denkmal, das 2015 von den Kommunisten des Bezirks mit aktiver Hilfe der KPRF restauriert wurde, empfängt und begleitet jeden, der sich an die Bezirksverwaltung wendet. Und wenn hier, im Donezker Land, die Erinnerung an Lenin lebendig ist, sein Bild in den Köpfen und Herzen ist, dann muss der Weg zur Lösung der großen Probleme leninistisch, sowjetisch, sozialistisch sein! Anders wird es nicht gelingen.

Quelle: Wpered.su