Generell lassen die Arbeits- und Lohnbedingungen im Handel viel zu wünschen übrig, aber im Dezember, im Vorfeld der Feiertage, sind sie in vielen Geschäften und Supermärkten besonders schlecht, und die Beschäftigten sind Getriebene, die angesichts der verschärften Ausbeutung oft an ihr Limit kommen.

Bereits in »normalen« Zeiten wissen viele Verkäuferinnen und Verkäufer angesichts der flexibilisierten Arbeitszeiten und der tagtäglich wechselnden Schichtpläne nicht, wie sie Beruf, Familie und Freizeit unter einen Hut bekommen sollen, aber in Coronazeiten hat dies Ausmaße angenommen, die manche an den Rand der Verzweiflung bringen, denn die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit dem Virus infizieren oder in Quarantäne gehen müssen, werden nicht ersetzt, so dass deren Aufgaben von den anderen mit erlegt werden müssen.

Wo es keine Kollektivverträge gibt – und das gilt für drei Viertel aller Betriebe im Einzelhandel –, ist die Situation besonders schlimm, so dass es an der Zeit ist, Remedur zu schaffen. Das will der OGBL tun, der sich für einen Branchenkollektivvertrag im Bereich der Betriebe einsetzt, die weniger als 50 Beschäftigte zählen.

Für viele Lohnabhängige im Handel kam während der Coronakrise hinzu, dass sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben, weil sie befürchten müssen, dass das Unternehmen, in dem sie arbeiten, infolge eines Rückgangs des Umsatzes, aber bei gleich bleibenden Kosten, Personal entlassen oder in Konkurs gehen könnte.
Im Mode- und Textilbereich gab es bereits eine Reihe von Betriebsschließungen und Konkursen, wobei nicht nur kleine Boutiquen, sondern auch einzelne Niederlassungen von großen Modekonzernen schlossen.

Anders als kleine Geschäfte haben große Konzerne allerdings riesige finanzielle Polster aus vorangegangenen Jahren, die sie nutzen könnten, um Arbeitsplätze zu sichern.

Aber so funktioniert der Kapitalismus nicht, und die Handels- und Modekonzerne setzen alles daran, um negative Auswirkungen von Krisen auf die Beschäftigten abzuwälzen. Andererseits denken sie im Traum nicht daran, in Zeiten von Hochkonjunktur und Maximalprofiten die Löhne oder Prämien der Verkäuferinnen und Verkäufer zu erhöhen.

Eine besonders krasse Erfahrung müssen gegenwärtig die Beschäftigten des schwedischen Modekonzerns H&M in Luxemburg machen. Wegen der zwei Monate Kurzarbeit, zu denen sie gezwungen wurden, kürzte das Management ihnen die Jahresendprämie, was global gesehen ein Einkommensverlust von 58.000 Euro für das Personal ist.

Die Entscheidung erfolgte ohne Rücksprache mit den Personalvertretern und der Gewerkschaft, obwohl klar ist, dass damit gegen den Kollektivvertrag verstoßen wird, den H&M 2018 zusammen mit der Gewerkschaft unterzeichnete.

Angesichts dessen ist es an der Zeit, dem Management mit allen erforderlichen gewerkschaftlichen Mitteln deutlich zu machen, dass die Aktionäre mehr verlieren könnten als 58.000 Euro, sollten sie auf dem Prämienklau beharren.
Für die Beschäftigten von H&M und dem ganzen Handel muss das Gebot der Stunde Solidarität heißen.

Ali Ruckert

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Unser Leitartikel : <br/>Auf dem Rücken der Beschäftigten im Handel